2022 deutlich mehr Mangelberufe in Österreich

mangelberufe österreich 2022

Fast schon unbemerkt schickte das Arbeitsministerium Anfang Dezember die neue Fachkräfteverordnung für 2022 in Begutachtung. Kernstück dieser Verördnung sind die so genannten Mangelberufe.

Mangelberufe in Österreich sind Berufe, bei denen weniger als 1,5 Arbeitssuchende pro offener Stelle zur Verfügung stehen. Erhoben wird diese Statistik durch das AMS.

An den Branchen, die einen besonders hohen Fachkräftemangel aufweisen, hat sich prinzipiell nicht viel geändert: Technik, Gesundheit und Tourismus sind schon seit einigen Jahren die Kernbranchen der Liste und jene Bereiche mit dem größten Fachkräftemangel. Die Fachkräfteverordnung und die Mangelberufsliste sollen dieser Entwicklung Rechnung tragen. Sie bestimmen jene Berufe und Regionen, in denen Arbeitskräfte aus Drittstaaten leichter die Rot-Weiß-Rot-Karte bekommen können.

2022: Deutlich mehr Berufe auf der Liste

2022 sollen 66 bundesweite und 60 bundeslandspezifische Mangelberufe festgelegt werden. Das ist doch fast um ein Drittel mehr als 2021 als gerade einmal 45 Berufe als Mangelberufe eingestuft wurden. Dabei gibt es Berufe, die bundesweit als Mangelberuf gelten. Andere wurden nur regional als Mangelberuf eingestuft. So gelten Kellner*innen im aktuellen Entwurf nur in vier Bundesländern als Mangelberuf (Salzburg, Oberösterreich, Vorarlberg und die Steiermark).

Umschulung via AMS dank Fachkräfteliste

Die Fachkräfteliste zielt natürlich nicht nur darauf ab Fachkräfte aus Drittstaaten zu holen. Wenn Arbeitssuchende eine Ausbildung für einen Beruf mit Fachkräftemangel absolvieren wollen, werden die Antragsteller*innen vom Arbeitsmarktservice unterstützt. Vor allem das sogenannte Fachkräftestipendium soll arbeitssuchende Personen, die sich in einen Mangelberuf umschulen lassen, ein Auskommen sichern und so den Umstieg in einen von der Wirtschaft heiß nachgefragten Beruf ermöglichen.

Allerdings gibt es Zugangsbeschränkungen zum Stipendium. So sind Akademiker*innen quasi ausgeschlossen. Außerdem ist das Fachkräftestipendium kaum höher als das Arbeitslosengeld oder die Notstandhilfe. In meiner Zeit als Betriebskontakter und Coach wurden viele Menschen von diesem Umstand abgeschreckt. Sie konnten es sich nicht leisten, eine längere Ausbildung gerade einmal mit dem Arbeitslosengeld (12 mal ausbezahlt) zu absolvieren.

Kritik an der Ausweitung

Die WKÖ zeigt sich mit der Liste zufrieden. Sie sieht in der Mangelberufliste eine gute Möglichkeit dem Fachkräftemangel zu begegnen.

„Wir haben nach wie vor viele offene Stellen und in zahlreichen Branchen und Regionen einen gravierenden Fachkräftemangel. Es ist daher erfreulich, dass die neue Fachkräfteverordnung den Bedarf der Betriebe sehr realitätsnah abbildet und die Regierung für 2022 deutlich mehr Berufe für die Mangelberufsliste vorsieht, als dies für heuer der Fall war“, sagt Karlheinz Kopf, Generalsekretär der Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ).

Allerdings gibt es auch Kritik an der Ausweitung der Liste. Österreich verfügt – Stand November 2021 – über 289.340 Menschen, die arbeitslos gemeldet sind (Quelle: Arbeitsministerium). Etliche von ihnen wären formal als Fachkräfte vermittelbar. Das sozialdemokratische Magazin Kontrast.at übt daher scharfe Kritik an der Ausweitung der Mangelberufliste und nennt etwa den Bereich Gastronomie:

“2019 wurden beispielsweise Köche und Kellner zu Mangelberufen erklärt – obwohl es in diesen Berufen sehr viele Jobsuchende in Österreich gibt. Immer wieder in der Liste enthalten sind Berufe wie MaurerInnen, SchlosserInnen, LackierInnen oder auch OptikerInnen.”

Schauen wir uns das Argument ein wenig näher an. Eine Abfrage beim Arbeitsministerium ergibt, dass im November 2021 18.742 Personen als Köche und Küchenhilfen (m/d/w) arbeitslos gemeldet waren. Natürlich sagt dies nichts über die Qualifikation und die Passgenauigkeit der potenziellen Kandidat*innen aus. Außerdem wird gerne angeführt, dass die Arbeitskräfte wenig mobil seien und ein Koch oder eine Köchin aus Wien kaum nach Tirol arbeiten fahren würde…

Daher lohnt sich ein Blick auf die Verteilung der arbeitssuchenden Köche und Küchenhilfen…

BerufBundeslandBestand
Köche, KüchengehilfenBurgenland324
Köche, KüchengehilfenKärnten1.710
Köche, KüchengehilfenNiederösterreich1.882
Köche, KüchengehilfenOberösterreich1.490
Köche, KüchengehilfenSalzburg1.622
Köche, KüchengehilfenSteiermark2.004
Köche, KüchengehilfenTirol3.111
Köche, KüchengehilfenVorarlberg925
Köche, KüchengehilfenWien5.674

Interessant ist also, dass gerade im Tourismusland Tirol – nach Wien – mit Abstand die meisten Küchenkräfte arbeitslos gemeldet sind. Werfen wir einen Blick auf die vom Arbeitsministerium (ebenfalls im November 2021) erfassten Stellenangebote. Die JOBBERIE hat den Durchschnitt der Arbeitssuchenden pro Stelle ergänzt…

BerufBundeslandBestandArbeitssuchende / Stelle
Köche, KüchengehilfenBurgenland595,5
Köche, KüchengehilfenKärnten17110
Köche, KüchengehilfenNiederösterreich5583,37
Köche, KüchengehilfenOberösterreich8031,86
Köche, KüchengehilfenSalzburg7872,06
Köche, KüchengehilfenSteiermark5963,36
Köche, KüchengehilfenTirol3708,4
Köche, KüchengehilfenVorarlberg2473,74
Köche, KüchengehilfenWien5889,652

Es handelt sich natürlich um eine Momentaufnahme. Aber es ist schon interessant: In Oberösterreich kommen wir in die Nähe von dem erforderlichen Verhältnis von 1,5 Bewerber*innen auf eine Stelle. In Salzburg, Vorarlberg und Niederösterreich liegt das Verhältnis von arbeitssuchenden Küchenbediensteten und offenen Arbeitsstellen bei 1 zu 3,3 und mehr, in Tirol sogar bei 1 zu 8,4 und in Wien und Kärnten haben wir ein Verhältnis von 1 zu 9,6 und mehr. Spannend ist das schon. Vor allem, weil ja auch Stellen außerhalb des AMS ausgeschrieben und diese von der Statistik nicht erfasst wurden. Allerdings sind Stellen aus dem Sektor Zeitarbeit miteingerechnet. Da kann es passieren, dass unterschiedliche Zeitarbeitsfirmen denselben Job inserieren und die Statistik dadurch ein wenig verfälscht wird.

Besondere Kritik an der Regionalisierung

Das linke “Momentum Institut” weist darauf hin, dass die Mangelberufsliste in den letzten 5 Jahren stark erweitert wurde und kritisiert nebenbei auch die Regionalisierung: “Die Zahl der Mangelberufe hat sich seit dem Jahr 2016 fast verfünfzehntfacht. Grund dafür, ist dass seit 2019 auch die Möglichkeit regional beschränkter Mangelberufe geschaffen wurde. Das heißt: Liegt in einem Bundesland die Zahl der Arbeitslosen im Vergleich zu den offenen Stellen unter 1,5, dürfen für diesen Beruf Arbeitskräfte aus Drittstaaten angeworben werden, völlig egal wie viele Arbeitslose es in einem bestimmten Beruf in den restlichen Bundesländern gibt. Anstatt Arbeitslose aus angrenzenden Bundesländern oder Nachbarländern anzuwerben, wird Unternehmen die Möglichkeit gegeben billige Arbeitskräfte aus Drittstaaten zu beschäftigen. Aber selbst wenn man nur die bundesweiten Mangelberufe betrachtet, gab es in den letzten 7 Jahren eine Verachtfachung der Zahl der Mangelberufe.”

Komplexe Problematik: Am Beispiel Maler*innen / Anstreicher*innen

Interessant finde ich das Thema der Maler und Anstreicher*innen. Diese stehen mittlerweile auch auf der Liste, was viele ein wenig verwundern dürfte. Gerade das Beispiel dieser Berufsgruppe zeigt, dass das Thema schwierig und teilweise hausgemacht ist. Aus meiner eigenen Vermittlungstätigkeit kann ich sagen, dass die Unternehmen tatsächlich Schwierigkeiten haben, Maler*innen zu engagieren und vor allem zu behalten. Dies ist allerdings kein Problem der Quantität an vorhandenen Kräften, sondern ein Thema der “Qualität” – mit anderen Worten: der herrschenden Arbeitsbedingungen. Der Druck schnell und viele Quadratmeter zu beschichten, ist gerade bei Unternehmen, die sich auf Großobjekte spezialisiert haben, enorm. Dies führt dazu, dass ältere Arbeitnehmer*innen, die körperlich vielleicht nicht mehr ganz mithalten können, schwer einen Job behalten. Dies gilt ebenso für junge und frische Kräfte mit wenig Erfahrung. Desweiteren sind die Arbeitsbedingungen gerade wenn Neubauten ausgemalt werden, oft schlecht (Arbeits- und Termindruck, Kälte oder Hitze, Umgangston und Bezahlung). Ähnliches gilt generell für die Baubranche.

Mittlerweile werden komplette Partien aus den EU-Oststaaten eingesetzt. Diese sind eingespielt und willig, weil das Gehaltsgefälle noch immer sehr hoch ist. Die Kolleg*innen aus Polen, Kroatien etc. verdienen dasselbe wie ihre Kolleg*innen vor Ort (zumindest den Mindest-KV) und bekommen auch noch die Unterkunft gestellt. Daher wundert es nicht, dass das Geschäft mit sogenannten Arbeiterwohnungen brummt…

Das führt natürlich bereits jetzt dazu, dass potenzielle Mitarbeiter*innen auf dem heimischen Arbeitsmarkt ignoriert und nicht weiter ausgebildet / integriert werden. Das Problem ist, dass die Unternehmen Arbeitskräfte brauchen, die willig, verlässlich und ready to work sind. Das erklärt auch teilweise, wieso Facharbeiter*innen aus der überbetrieblichen Lehrausbildung Schwierigkeiten haben, Fuß zu fassen. Sie verfügen oft über zu wenig praktische Erfahrung. Die Praxis auf ausländische Kräfte aus den EU-Nachbarstaaten zu setzen, ist mittlerweile fester Bestandteil der Personalbeschaffung. Da bietet natürlich die Fachkräfteverordnung eine weitere Möglichkeit vor allem fixes Personal zu organisieren. Grundsätzlich dürfen Zeitarbeitsfirmen ja nur Personal aufnehmen, das bereits über eine Rot-Weiß-Rot-Card verfügt. Wenn sich die Unternehmen den Aufwand antun beim AMS um entsprechende Arbeitsgenehmigungen anzusuchen, könnte der Druck auf die heimischen Arbeitskräfte noch größer werden.

Kurzfristiges Denken versus Langzeitfolgen

Die Frage stellt sich also, ob die permanente Suche nach Arbeitskräften im EU-Ausland und in Drittstaaten wirklich der Weisheit letzter Schluss ist. Kurzfristig ist es für die Unternehmen sicher gut, wenn Aufträge sauber und schnell bedient werden können. Die Frage ist allerdings, ob dies volkswirtschaftlich alles so gut ist, wenn Langzeitarbeitslosigkeit sich verfestigt, Wohnraum für überteuerte Arbeiterwohnungen vom Wohnungsmarkt abgezogen wird und Unternehmen lieber etwas teurere Arbeitskräfte aus dem Ausland einstellen, als in die lokalen Arbeitskräfte zu investieren (begleitende Maßnahmen bei der Integration von Langzeitarbeitslosen, Ausbildung von Fachkräften etc.)

Wie viele Rot-Weiß-Rot-Karten ergehen an Mitarbeiter*innen aus Drittstaaten…

Das Arbeitsministerium gibt an, dass im Pandemiejahr 2020 []…] rund 800 Rot-Weiß-Rot – Karten für Fachkräfte in Mangelberufen erteilt [wurden].

Wir dürfen gespannt sein, wie hoch der Stand 2022 sein wird. Laut -Nachrichten wurden 2021 mehr Personen aus Drittstaaten mit einer Arbeitsgenehmigung ausgestattet als dies 2020 der Fall war: “2021 sind bis Ende November 1062 Personen damit nach Österreich gereist, auf Wien entfielen davon 365, auf Oberösterreich 237.” Das ist noch immer nicht viel. Aber der Trend ist deutlich!

Link: Fachkräfteverordnung in Begutachtung

Liste Fachkräftemangel

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