Was bringt die grün-türkise Regierung an Neuerungen im Bereich Lehre

Die erste Regierungsbeteiligung der grünen Partei in Österreich sorgt(e) für ein erhöhtes Interesse. ÖVP und Grüne waren ja nicht unbedingt logische Koalitionspartner*innen – neben den ausreichend und hinlänglich kommentierten Sicherheits- und Migrationsthemen, möchte ich einen Blick auf einen Themenbereich werfen, der in der öffentlichen und veröffentlichten Diskussion so gut wie gar nicht zum Tragen gekommen ist: jenen der dualen Ausbildung oder einfacher der Lehrausbildung

Lehre für Sportler*innen

Das erste Mal taucht das Thema Lehrausbildung im Bereich des Sports auf – insbesondere im Bereich Leistungssport. Zunächst lesen wir von einer „Weiterentwicklung der Verbindung von Leistungssport mit Lehrberufen.“ Wie diese Verbindung weiter entwickelt werden soll, wird nicht ausgeführt. Das Thema einer ordentlichen Berufsausbildung für Leistungssportler*innen ist jedoch nicht zu unterschätzen. (Seite 60).

Liebe auf den zweiten Blick: Auch bei der Lehrausbildung?

„Fachkräfteoffensive für Österreichs Unternehmen umsetzen“.

Die grün-türkise Bundesregierung bekennt sich dazu, die Berufsbildung aufzuwerten und das Berufsausbildungsgesetz zu modernisieren. Um den Fachkräftemangel aber überhaupt einmal klar definieren zu können bedarf es empirischer Grundlagen – spricht genauerer Daten. Auch hierzu verpflichtet sich die neue Bundesregierung. Ein sogenannter Fachkräftemonitor soll eingeführt werden. Ich erinnere mich, dass es ein derartiges Projekt in Niederösterreich gab. Auch in Oberösterreich und in Tirol gibt es mittlerweile einen solchen.

Ob mit der Evaluierung der Berufe und der genauen Definition des Fachräftemangels, jedoch die Attraktivität der Lehre steigt, bleibt abzuwarten. Gerade bei über 200 Lehrberufen ist es notwendig, die Lehre zu „attraktivieren, u.a. durch die verpflichtende Evaluierung und Modernisierung aller Lehrberufe alle 5 Jahre“. (Seite 87) Dieser Schritt ist gerade bei steigender Digitalisierung, ein Muss um nicht Gefahr zu laufen, veraltete Berufsbilder auszubilden. Das Thema wird in unterschiedlichen Kapiteln des Regierungsprogramms aufgegriffen. So wird beispielsweise auf Seite 301 darauf hingewiesen, dass die Lehrberufe “mit Hinblick auf digitale Inhalte, MINT sowie regionale und ökologische Schwerpunkte” überprüft werden. “

Klimawandel und Lehrberufe

Auch dem Klimawandel wird bei den Lehrberufen Rechnung getragen: „Neue zeitgemäße Ausbildungen durch Einführung neuer Lehrberufe schaffen (z.B. im Bereich Digitales oder Klima/Umweltschutz) und Beschleunigung dieser Einführung.“ heißt es im Programm (Seite 87).

In letzter Zeit wurden ja einige Berufe vor allem auf dem Hintergrund der Digitalisierung neu aufgesetzt. Das Thema Lehrlingsverbund ist ebenso kein neues. Kleinere Betriebe können sich zu einem Lehrlingsverbund zusammen schließen um Lehrlinge auszubilden. Hier soll es zu einer Überarbeitung kommen – und auch EPU`s soll die Möglichkeit eröffnet werden im Verbund Lehrlinge auszubilden. Wenn dies ohne allzu große bürokratische Hürden abläuft, dann kann dies wirklich ein Gewinn sein. Mehrere Einzelunternehmer*innen bilden zusammen einen Lehrling aus. ist natürlich ein spannendes Modell. Die Kooperation zwischen Schulen und Betrieben laufen bereits. Schüler*innen haben schon jetzt die Möglichkeit eine Schnupperwoche zu machen. Die Möglichkeiten sollen ausgebaut werden. In welche Richtung – darüber schweigt sich das Abkommen aus.

Ein wichtiges Thema bei der Besetzung von Lehrstellen ist – und dies weisen die Statistiken aus – das Thema Gender und Segregation anzugehen. Klingt kompliziert, ist es nicht. Die Frauen bevorzugen Dienstleistungs- und soziale Berufe; die Männer eher technische Berufe. Vereinfacht gesagt: Mädchen werden Kosmetikerin und Burschen KFZ-Mechaniker (und das ist jetzt nicht einmal so ein Klischee). Daher ist es spannend zu sehen, welche „Maßnahmen zu Rollenbildern“ von der Regierung gesetzt werden um die Mädchen in technische Berufe zu bekommen und Männer in den Pflege-/Care-Bereich, wie es so schön heißt. Es ist erfrischend, dass nicht nur einseitig von Mädchen in Technikberufen gesprochen wird, sondern auch darüber Burschen in den Pflege- und Carebereich zu bekommen.

Außerdem klingt die Möglichkeit einer „Flexi-Lehre“ für Wiedereinsteigerinnen bzw. Wiedereinsteiger und betreuende Angehörige sehr spannend – es geht also offensichtlich darum, dass Menschen während der Betreuung von Kindern und Angehörigen eine Ausbildung machen können. Dieser Ansatz scheint neu.

Weiters will man – um in Hinblick auf den Fachkräftemangel – die „Durchlässigkeit zwischen dem formalschulischen und dem berufsbildenden System stärken“ (Seite 87). Das klingt sperrig. Der Punkt wird dann im Programm noch einmal aufgegriffen. Man spricht von einer besseren Durchlässigkeit zwischen Lehre und anderen Bildungswegen im generellem (Seite 258). Und beim Kapitel Fachkräftemangel im Tourismus spricht von sogar von der Durchlässigkeit in den tertiären Bereich (also alles nach der Matura).

Bekämpfung des Fachkräftemangels im Tourismus

Gerade der Tourismus und die Hotellerie sind jene Branchen mit dem größten Bedarf an Fachkräften. Man sollte es nicht glauben, aber wenn man sich das Verhältnis von offenen Lehrstellen und lehrstellensuchenden Menschen anschaut, dann zeigt sich, dass der Tourismus eine der wenigen, wenn nicht die einzige Branche ist, wo es mehr offene Lehrstellen als Lehrstellensuchende gibt. Daher ist das Thema Fachkräftemangel und Lehre in dieser Branche ein ganz besonderes.

Die Förderung „ganzjähriger, ganztägiger und flexibler sowie bedarfsgerechter Kinderbetreuung“ ist mit Sicherheit ein Novum in diesem Punkt und könnte es auch jungen Müttern und Vätern erlauben eine Lehre in der Karenz zu beginnen.

Unter der Überschrift “Fachkräftebedarf sichern – betriebliche Lehrausbildung stärken” (Seite 258) respektive der Überschrift “Stärkung der dualen Ausbildung” (Seite 300) sind wir im Kern der Lehrausbildung.

Beide Kapitel zeigen Überschneidungen und Redundanzen. Daher behandele ich sie hier zusammen. Das Spannende besteht darin, dass man die Lehre mit Matura oder generell die „Akademisierung“ der Lehre vorantreiben will. Einerseits soll das Modell der „Dualen Akademie“ verstärkt werden, andererseits sollen viele begleitende Maßnahmen wie Lehrlingscoaching, Förder- und Betreuungsangebote (zumindest) gesichert werden. Die Berufsbildung soll aufgewertet werden und eine bessere Durchlässigkeit in tertiäre Ausbilungsformen garantieren

Auch im Bereich Meisterprüfung wird die Akademisierung voran getrieben. Meister- und Befähigungsprüfungen sollen durch ein Bonus-/Prämiensystem an die Betriebe unterstützt werden. Ein eintragungsfähiger Titel für offizielle Dokumente soll diesbezüglich geschaffen werden.

Interessant ist, dass in der Überschrift von der „betrieblichen Lehre“ die Rede ist. Aber das Sicherstellen der ÜBA und die Einführung einer Dualen Akademie (einer Schiene speziell für Maturant*innen oder Studienabbrecher*innen eine Lehre in 1,5 bis maximale 2,5 Jahren über die WKO zu absolvieren) klingt so gar nicht nach „betrieblicher Lehre“. Hier kann man ein wenig von einer Mogelpackung gesprochen werden. Man hat die überbetriebliche Lehre, die vor allem für ältere Lehrlinge wichtig ist, hier ein wenig hinein geschmuggelt. Auch die Förderung der Lehre von Lehrlingen im Alter von 18plus schlägt in eine ähnliche Kerbe. Dies ist natürlich im Zusammenhang mit der Ausbildungsgarantie bis 18, die offenbar beibehalten wird, zu sehen.

Die Schaffung von neuen Lehrberufe und Berufsbildern im Umwelt- und Klimaschutzbereich, sowie die laufende Kontrolle der Lehrbilder resp. Modernisierung der Lehre sind natürlich ein Thema – und wurden schon zur Genüge erwähnt.. Der Ausbau der „Green Jobs“ ist vorgesehen.

Die Lehre soll insgesamt aufgewertet und auch nach der Matura gefördert werden. Auch das wurde schon betont. Unter dem Stichwort „Prüfung des Vorarlberger Modells zur Lehrlingsfinanzierung“ (Seite 258) ist genau dieser Punkt gemeint. Was hier so lapidar ohne wirkliche Erklärung steht, ist ein Fördermodell, das die Lehre mit Matura ermöglichen soll. Eine entsprechende Finanzierung soll die Unternehmen bei der Ausbildung der Lehrlinge unterstützen. In eine ähnliche Kerbe schlägt der Blum Bonus neu, der Lehrlinge finanziell fördert – sofern eine Qualitätskontrolle der Lehrausbildung im Betrieb vorgenommen wird.

Integration und Lehre

Die, wie es im Programm heißt, „Bereitstellung von Maßnahmen zur Qualifizierung, Beratung, Betreuung und Vermittlung zur raschestmöglichen Integration in den Arbeitsmarkt von Asylberechtigten und subsidiär Schutzberechtigten“ wird vermutlich dem AMS obliegen. Ebenso der festgeschriebene Anspruch auf Berufsorientierung für Schulabbrecher*innen. Generell ist die Bildung- und Berufsberatung ein wichtiger Ansatz.

Eine jener Maßnahmen, die zur besseren Integration von Lehrlingen mit Ayslstatus führen soll, ist die Erhöhung der Mobilität. Es sind laut Regierungsprogramm Maßnahmen zu setzen, um die Mobilität vor allem von Asylberechtigten am Arbeitsmarkt und in der Lehre stärker zu fördern. Auch sollen Lehrstellensuchende eine Lehre in einem anderen Bundesland machen (können).

Anders formuliert: Integration soll gerade bei jüngeren Menschen durch Arbeit/Ausbildung und einer Erhöhung der Mobilität forciert werden. Mit welchen Methoden diese Mobilität erreicht werden soll, ist weitgehend offen. Allerdings wird wohl dem AMS eine entscheidende Rolle zukommen: Man schreibt nicht umsonst von einer verbesserten Zusammenarbeit der AMS-Landesstellen. Ein neuer Kriterienkatalog soll erstellt werden um die Jobvermittlung zu optimieren: lokale Verwurzelung, Alter, Aufenthaltsdauer, Meldedauer, Familienstand, Erziehungspflichten. Was daran neu sein wird, erschließt sich mir nicht ganz, da die meisten Kriterien mittlerweile auch abgefragt werden, vielleicht abgesehen von der etwas schwammigen Kategorie “lokale Verwurzlung”.

Nachdem aber die Zumutbarkeitsbestimmungen bezüglich Verfügbarkeit für den Arbeitsmarkt bei Kindererziehung erhöht werden (16 auf 20 Stunden) sollen, kann es sein, dass es auch im Bereich der Mobilität zu Verschärfungen bei den Vermittlungen kommt.

Dass unter 25jährige Arbeitssuchende (das Programm benutzt tatsächlich den Begriff „Arbeitslose“) in einem anderen Bundesland eine Lehre beginnen sollen, ist an und für sich noch keine Maßnahme, sondern ein Ziel. Aber auch die Schnupperlehre, Berufspraktika etc. sollen forciert werden.

Keine Rede ist indes von einem grünen Steckenpferd, i.e. die Lehre für Asylwerber*innen. Gerade Rudi Anschober war ja ein Protagonist in dieser Frage. Offensichtlich werden jene Asylwerbenden, die sich derzeit in einer Lehre befinden, diese noch fertig machen können – aber keine neuen Lehrverhältnisse mehr geschlossen werden.

Lehre und Pflege

Die Schaffung eines weiteren konkreten Berufsbildes lässt sich – last b ut not least – auch noch finden. Im Kapitel zur “Pflege” befindet sich folgender Satz: ” Einführung einer Pflegelehre PFA unter Berücksichtigung eines altersspezifischen Curriculums ” (Seite 246). Die PFA – also die Pflegefachassistenz – dürfte eine weitere Zwischenstufe bei den Pflegeberufen sein und sich zwischen dem/der Pflegeassistent*in und dem/der diplomierten Pfleger*in ansiedeln.

Wann dieser Lehrberuf neu entstehen soll, ist ungewiss.

Im Wesentlichen sind das alle Aussagen und Programmpunkte zum Thema Lehre. Brandneue Konzepte sind nicht zu finden. Selbst das Thema der “Green Jobs” ist nicht wirklich neu und wurde bereits vor Jahren besprochen. Neu ist vielleicht, dass man das Thema Klimaschutz auch in die Lehrberufe integrieren will. Aber hier ist die Frage wie. Fest steht, dass man die Lehre aufwerten und durchlässiger machen will. Dies geht jedoch nur mit einer Aufwertung der Haupt- und Berufsschulen. Wir dürfen also gespannt sein…

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