Trotz “Spitzengehälter” kein Gastropersonal

gastro jobberie

In den letzten Tagen und Wochen häufen sich die Meldungen, dass Gastrobetriebe kein geeignetes Fachpersonal fänden. Schlagzeilen wie “Lieber AMS – Starkoch zahlt 1.700 netto, findet keinen” (Heute 15. 6. 2021), “Gastronomie und Hotellerie fehlen 21.000 Mitarbeiter (OÖ Nachrichten 06. 08. 2021) oder “Wirt zahlt bis zu 2.500 Euro, doch “keiner will den Job”” (Heute 24. 8. 2021) sind mittlerweile häufig in den österreichischen Medien zu finden. Aber auch in Zeitungen aus der Schweiz und aus Deutschland lesen interessierte Konsument*innen ähnliche Schlagzahlen.

Geld allein…

Die Artikel insinuieren, dass ein hohes Gehalt ausreiche um geeignetes Personal zu finden. Bei Dienstverhältnissen lautet der Konsens tatsächlich Zeit und Bemühen versus Geld. Allerdings spielen andere Faktoren eine Rolle. Die Arbeiterkammer erhebt seit Jahren den sogenannten “Arbeitsklimaindex” zu unterschiedlichen Themen der Arbeitszufriedenheit. “Einkommen” ist natürlich ein Punkt. Leider lässt sich keine Auswertung für die Gastronomie vornehmen. Allerdings für die Tourismus. Der Index zeigt folgende Zahlen:

Arbeitsklimaindex: db.arbeitsklima.at

Es wird ersichtlich, dass die Zufriedenheit mit dem Einkommen in der Tourismusbranche schon seit Jahren unterdurchschnittlich zur Gesamtbevölkerung verläuft. Es ist fast schon ein Paarlauf. Gerade im Jahr 2020 wird die Schere jedoch deutlich größer und wir dürfen auf die Ergebnisse für 2021 gespannt sein.

Die Erhebungen bestätigen, dass die Unzufriedenheit der Tourismusmitarbeiter*innen mit dem Einkommen deutlich größer ist als in anderen Branchen. Eine geringere Zufriedenheit mit dem Gehalt führt natürlich auch zu einer Abwertung der Attraktivität einer Branche. Andere Faktoren wie Arbeitszeiten sind dabei noch nicht berücksichtigt.

Weitere Faktoren spielen eine Rolle. Laut SORA Erhebung aus dem Jahr 2018 ist die Arbeitsbelastung in der Gastronomie sehr hoch, man arbeite sehr oft an den Randzeiten. Der Wechselwunsch war bereits 2018 bei Köch*inneu und Kellner*innen sehr hoch. (Siehe SORA). Wenn dann noch das Recruiting nicht besonders gut ist – sprich ein AMS-Inserat genügt – dann wird es schwer Personal zu finden.

Wie kann man das Problem lösen:

Der Tenor ist immer derselbe. “Wir finden keine Mitarbeiter*innen.” Raunzen ist zwar eine Wiener Tradition, bringt aber keine Lösungen. Fangen wir also beim Recruiting an. Der Schweizer Gastro-Experte Thomas Holenstein, Geschäftsführer der Precom Group AG, gibt in der ÖGZ drei Tipps für die erfolgreiche Personalsuche.

(1) Online Personalsuche – sprich über soziale Medien

(2) Anreize für Mitarbeiter*innen schaffen

(3) Employer Branding aufbauen

https://www.gast.at/gast/3-wege-zur-personalsuche-206926

Diese Tipps sind sinnvoll. Die Qualität der Stellenangebote aus dem Bereich Gastronomie ist zum Beispiel oft sehr schlecht. Gerade Inserate, die auf Facebook geschaltet werden, zeigen viele Mankos auf. Es kommt fast täglich vor, dass ich Inserate in der Jobberie-Gruppe nicht freigeben kann. Fehlende Angaben, wie das Mindestgehalt oder auch die Dienstzeiten sind fast schon die Regel. Das ist natürlich in Zeiten wie diesen nicht besonders zielführend. Auch “Goodys” wie Essen, Gutscheine, Sozialleistungen findet man selten in den Stellenanzeigen. Gehalt ist halt nicht immer alles. Mitarbeiter*innen wollen heute wissen auf was sie sich einlassen.

Die Klage über das AMS

Gerade Tipp 1 zeigt, dass man heute innovativere Wege gehen muss. Sich auf das AMS zu verlassen ist leider nicht genug. Selbst aktiv werden, lautet die Devise. Setzen Sie sich mit professionellen Personaldienstleister*innen zusammen oder organisieren Sie ihr hausinternes Recruiting neu. Die Frage lautete gerade in der Gastronomie und Hotellerie: Was tue ich, um gutes Personal zu finden und zu halten.

Was bieten die Unternehmen

Auch die Einstellung, dass man bei einem hohen Gehalt ja Mitarbeiter*innen finden kann, die aus dem Stand “ready to play” sind, erweist sich als Trugschluss. Einarbeitszeiten, Weiterbildungen und auch eine Flexibilisierung der Arbeitszeiten sind Themen, die mittlerweile genauso wichtig sind. Ignoriert wird die Tatsache, dass viele Menschen nicht nur mehr für Geld arbeiten, dass Vereinbarkeit von Beruf und Familie ein immer wichtigeres Thema wird. Fest steht ja wohl, dass gerade in der Gastronomie und Hotellerie gearbeitet werden muss, wenn die Gäste frei haben – es sei denn man arbeitet für eine Betriebskantine. Die Belastung ist hoch – ein vermeintliches Trinkgeld auch nicht immer ein Anreiz.

Schlagzeilen, die keiner braucht

Die weiter oben zitierten Schlagzeilen sind leider nicht förderlich. Sie zementieren alte Vorstellungen, dass man nur mit einem Gehaltscheck wedeln müsse und die Arbeitnehmer*innen würden Schlange stehen. Außerdem zementieren derartige Überschriften und Artikelinhalte die Vorurteile über arbeitssuchende Menschen.

Gerade in diesem Punkt wünsche ich mir eine differenzierende Berichterstattung, die auch die Mitarbeiter*innenperspektive berücksichtigt. Gefragt sind nicht alte Klischees, dass Menschen nicht arbeiten wollen, sondern moderne Konzepte in der Arbeitswelt.

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