Systemerhalter*innen brauchen Zulagen und keinen Danke-Treuerabatt

Jürgen Kargl initierte eine Petition unter dem Motto #zulagefuerhelden. Die JOBBERIE hat mit ihm gesprochen…


Danke, dass Sie sich die Zeit genommen haben. Zunächst einmal unsere Transparenzbestimmungen. Wir kennen uns eigentlich nur virtuell und durch die Posts in unserer Facebookgruppe. Erzählen Sie einmal kurz: Wir geht es Ihnen im Lockdown?

#zulagenfürhelden: Hmmh … gute Frage. Ich würde einmal sagen, dass es mir spitze geht. Ich arbeite von zuhause aus. Ich darf auf unseren Sohn (4 Jahre alt) schauen und habe die Petition #zulagefuerhelden ins Leben gerufen. Ich habe aktuell sowieso einen vollen Energieschub und genieße auch die allgemeine Ruhe in der Natur, da ich nämlich das Glück habe auf dem Land zu leben.

Das ist schön zu hören. Eine Petition? Können Sie mir in kurzen Worten mehr zu dieser Petition erzählen…

#zulagefürhelden: Tja die Petition #zulagefuerhelden habe ich ins Leben gerufen. Ausschlaggebend waren persönliche Gründe. Ich finde, dass dienstleistende Personen, die in der COVID-19/Corona-Krise ihre Arbeit im direkten Kontakt mit Menschen nachgehen müssen und somit zur Systemerhaltung beitragen, eine Gefahren- bzw. Erschwerniszulage zusteht. Und nicht nur Ihnen, sondern auch den Personen, mit denen Sie einen gemeinsamen Haushalt teilen.

Sie meinen also nicht nur die Krankenpflegerin soll eine Zulage bekommen, sondern auch der Ehemann, der zuhause gemütlich im Home Office sitzt…

#zulagefürhelden: Ja! Sind wir uns ehrlich. Das Virus ist gefährlich. Das hat uns die ganze Welt (WHO), ausländische Regierungen und auch unsere Bundesregierung mehr als deutlich gemacht. Wir spüren es ja auch am eigenem Leib mit zahlreichen Einschränkungen im täglichen Leben (Reisefreiheit, weniger soziale und physische Kontakte, Schutzmaskenpflicht, Wirtschaft, etc.).

Sie selbst arbeiten ja in der Softwareentwicklung und können von zuhause arbeiten – und wie Sie sagen – auf Ihren Sohn aufpassen. Was motiviert Sie da eine solche Petition ins Leben zu rufen?


#zulagefürhelden: Ja, es sind eigentlich persönliche Gründe, die mich motivierten. Ich selbst erlebte bei einem Krankenhausaufenthalt, wie es ist mit einer Maske herum zu laufen. Ich hatte einen Influenza-Fall im Zimmer. Mein anderer Zimmerkollege und ich mussten 3 Tage mit einer Schutzmaske (die besseren Modelle) herumlaufen, wenn ich das Zimmer verlassen wollte. Ich weiß daher, wie anstrengend das Tragen von den echten Schutzmasken ist und wie man da ins Schwitzen kommt.

Meine Frau arbeitet bei einem Lebensmitteldiscounter als Filialleiter-Stellvertreterin und mein Sohn bleibt aufgrund der Krise vom Kindergarten fern. Meine Frau muss jetzt täglich ihrer Arbeit nachgehen mit dem Mundschutz im Gesicht. Wissen Sie die Personen im Lebensmittelhandel leisten wirklich sehr viel und die Ansteckungsgefahr ist hoch. Meine Frau arbeitet aber sehr gerne. Ich denke sie sieht es fast als Sport an.

Aber mittlerweile finde ich dass allen Personen, die jetzt ihren Dienst für unser System verrichten, eine Gefahrenzulage bzw. Erschwerniszulage zusteht – und das gilt auch für die Personen, mit denen Sie im selben Haushalt leben. Ein Hochofenarbeiter bekommt auch – zu Recht – eine Gefahren- bzw. Erschwerniszulage. Wieso sollten nicht Menschen, die derzeit sehr viel leisten, auch eine Zulage bekommen?

Aber hieß es nicht, dass die Angestellten im Handel – also auch Ihre Frau – sowieso eine Prämie bekämen, die ja darüber hinaus auch noch steuerfrei ist (Beschluss des Parlaments vom 04. April 2020). Oder anders gefragt: Ist Ihre Petition damit nicht obsolet?


#zulagefürhelden: Stimmt. So eine Prämie ist ja auch nett, aber sind wir uns ehrlich … Nehmen wir einmal die Chronologie von COVID-19 aus der möglichen Sicht eines Topmanagers. Da sieht es anders aus:

Erste Phase: Krise ausgebrochen, Arbeiter*innen müssen bei Laune gehalten werden. Wir feiern Sie als Held*innen und lassen die Menge klatschen. Hat bisher ja auch super funktioniert. Die Menge darf ja nur noch einkaufen oder spazieren gehen. Den Arbeiter*innen tut es gut und Sie fühlen sich als Held*innen pudelwohl. Und eine tolle Gratiswerbung ist es auch noch

Zweite Phase: Den Arbeiter*innen und auch der Menge wird bewusst, dass es doch nicht so super ist, in der Krise nur zu klatschen. Trinkgeldoffensiven werden gestartet (an sich eine gute Sache, aber in Zeiten der Vermeidung von COVID-19 nicht so klug). Eine Online-Variante wäre besser gewesen, stieß aber auf taube Ohren, weil nicht so medienwirksam. Viele Handelsunternehmen haben das Trinkgeld geduldet (vor der Krise ein TABU) … Für die Unternehmen wieder eine tolle Gratiswerbung. Für die Mitarbeiter*innen sind die Trinkgelder nur bedingt eine Belohnung.

Dritte Phase: Es kommt zu Unmutsäußerungen aus der Menge und natürlich vor allem von Seiten der Arbeiter*innen. Was tun? Ganz einfach! Ein Bonus soll es sein. Am besten auf die eigene Kundenkarte gebucht. Ja, das ist nett. Wieder eine billige Werbung, weil alle Medien darüber berichten.

Vierte Phase: Die geschlossenen Handelsunternehmen beschweren sich weil das Verkaufen von NONFOOD-Artikeln (also alles, was kein Lebensmittel ist) im direkten Widerspruch zu der Verordnung und der Empfehlung der WKO steht. Das wird dann in Verhandlungen in die Länge gezogen und zum Schluss kommt wird dann vielleicht ein Teil des NON-FOOD-Sortiments weggelassen.

Das Thema, das dabei vergessen wird: Die Mitarbeiter*innen arbeiten unter Gefahr und unter Erschwernissen und bekommen keine Gefahrenzulage und keine Erschwerniszulage – und die Angehörigen, die den Mitarbeiter*innen den Rücken freihalten, dass diese überhaupt arbeiten können, bekommen auch nichts!

Sind Sie da nicht zu streng? Sie fordern ja immerhin mindestens eine Verdoppelung des Stundensatzes in Form von Zulagen? Wer soll das bezahlen?


#zulagefürhelden: Nein, ich finde nicht, dass ich “streng” bin. Die KVs in den meisten betroffenen Berufsgruppen (Systemerhaltung) sind viel zu niedrig angesetzt. Daran ändern die KV-Überbezahlungen etwa im Handel auch nichts. Wenn ich lese, dass Lidl Österreich einen Jahresumsatz von 1,3 Mrd. Euro im Jahr 2017/2018 erzielen kann, frage ich mich, ob sich die Unternehmen eine Zulage, wie ich sie fordere, nicht leisten können. Die Zulage wäre ja auch nur befristet für die Dauer der Krise. Ich wiederhole es noch einmal: Gefahr = Gefahrenzulage; Erschwernis = Erschwerniszulage …

Bisher haben wir nur vom Handel gesprochen: Wie ist das in Spitälern und bei der Polizei. Hier kann ja nicht über die Einnahmen- oder Ausgabenseite respektive über Umsätze und Gewinne argumentiert werden?


#zulagefürhelden: Hier haben wir den Staat oder die Gemeinden als Dienstgeber. Außerdem könnte man auch die Privatvorsorgen (Versicherungen) in diesem Zusammenhang hinterfragen oder ins Boot holen? Vergessen darf man auch den Pflegenotstand in Österreich nicht und woher der eigentlich rührt.

Natürlich müsste man sich die Dienstverträge (KVs) schon im Konkreten ansehen. Wenn also im Dienstvertrag (KV) eines Polizisten Gefahren schon abgegolten sind, dann betrifft es diese Gruppe eventuell weniger oder abgewandelt. Es ist aber nicht meine Aufgabe alle Fragen der Umsetzung zu beantworten.

Ziel ist es die Petition in den Nationalrat zu bringen. Die Politik muss sich dann mit dem Thema auseinandersetzen. “Geht es der Wirtschaft gut, geht es uns allen gut” darf halt nicht nur von den Beiträgen der Unternehmen abhängen, sondern muss auch bei denjenigen ankommen, die sehr viel für das “ALLE” beitragen, vor allem JETZT, wo es um Systemerhaltung geht.

“Das Thema in die Politik bringen”: Wäre dies nicht Aufgabe der Arbeitsnehmer*innenvertretungen sprich der Gewerkschaften und Interessensvertretungen und nicht jene einer Privatperson – oder sind Sie in geheimer Mission für die Gewerkschaft unterwegs?


#zulagefürhelden: Nein, ich finde, dass es hier um eine Ungerechtigkeit, die so manchen gar nicht bewusst ist, geht und dieses Bewusstsein möchte ich wecken. Auch bei den Gewerkschaften. Und nein: ich bin für niemanden in geheimer Mission unterwegs, ganz im Gegenteil alles ist ganz transparent … ganz “gläsern” so wie wir alle in Zeiten der Corona-Krise es zu sein scheinen.

Ihnen geht es also um Bewusstseinsbildung… vielleicht deshalb auch die hohen Forderungen?


#zulagefürhelden: Sind Sie wirklich so hoch angesetzt? Ich denke nicht. Nochmals: Gefahren = Gefahrenzulage. Besondere Erschwernisse = Erschwerniszulage. Ansteckungsgefahr gilt auch für die anderen Personen im selben Haushalt – also gelten auch hier Erschwernis und Gefahr.

Was sind die nächsten Schritte? Was ist der Plan?


#zulagefürhelden: Wir brauchen Gebiets-Moderator*innen (Bundesländer, Bezirke, Gemeinden) für unsere Facebook-Gruppe. Es geht bereits um Arbeitsverteilung. In einer Facebook-Gruppe ist man – wie man auch bei so manchen Parteien sieht – recht erfolgreich, auch ohne Medienunterstützung.

Der Plan ist es, die 500er Marke (reine österreichische Unterschriften) in der Petition so schnell wie möglich zu knacken. Dann werden wir die Medien informieren . Und dann soll es in 1.000er Schritten weitergehen.

Ich denke, dass es eine gute Sache ist und wenn die Petition zu laufen beginnt, wird das Thema nicht mehr zu stoppen sein. Je nachdem wie das Interesse in anderen Ländern ist, ist auch denkbar die Petition EU-weit einzureichen. Aber vorerst bleibt Österreich bzw. der Nationalrat das Ziel. Wichtig ist es mir vielleicht noch einmal zu erwähnen, dass es mir auf jeden Fall um die Sache und nicht um Profilierung geht..

Mit anderen Worten: Sie versuchen eine Art Social-Media-Graswurzel-Bewegung zu initiieren…


#zulagefürhelden: Ja, man könnte es so sagen. Ich habe von den Medien zu Beginn wenig Unterstützung erfahren, aber ich denke, dass sich das auch noch ändern wird.

Was ist für Sie das Minimalziel? Ab wann sprechen Sie von einem Erfolg ?


#zulagefürhelden: Ein Erfolg ist es, wenn die Petition im Parlament behandelt wird und es zu einem Ergebnis kommt. Wichtig ist, dass alle Systemerhalter*innen bzw. Held*innen der COVID-19-Krise, wissen, dass sie eine Zulage bekommen und keinen Danke-Treuerabatt.


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