Spanische Lehrlinge für Kärnten. Ernsthaft?

Als ich auf Ö1 hörte, dass die Kärntner Landesregierung plant, etwa 75 Lehrlinge aus Spanien in bestimmte Regionen nach Kärnten zu importieren, musste ich mir meine Ohren reiben. Wieso Spanien? Wieso Kärnten? (Quelle: Ö1 Abendjournal 30. Juli 2019)

Der Beitrag auf Ö1 betonte, dass besonders in den Bereichen Mechatronik, Holztechnik, Elektrotechnik, aber auch im Tourismus Lehrlinge fehlen würden.

Die Aussendung des Landespressedienstes formuliert die Idee wie folgt. Zum Beschluss des 30. Juli ist zu lesen:

Das in der heutigen Regierungssitzung beschlossene Pilotprojekt “Talente für Kärnten” unterstützt die positive wirtschaftliche Entwicklung Kärntens nachhaltig, denn die in Kärnten neu angesiedelten Betriebe und der Ausbau bereits bestehender Betriebe bedürfen zahlreicher weiterer Fachkräfte. In ganz Österreich entsteht ein Mangel an Fachkräften – ein Umstand, der sich negativ auf die heimische Wirtschaft auswirken könnte. Das beschlossene Projekt aber steuert mit gezieltem Headhunting dem entgegen, indem Lehrlinge sowie Fachkräfte aus Spanien (Jugendarbeitslosigkeit rund 34 Prozent) an Kärntner Betriebe vermitteln werden. “Dadurch können wirtschaftliche Impulse gesetzt und interkulturelle, proeuropäische Austauschprozesse unterstützt werden”, unterstreicht Landeshauptmann Peter Kaiser die zusätzlichen Vorteile des Projekts.

https://www.ktn.gv.at/Service/News?nid=30182

Dass der Fachkräftemangel schädlich für die Wirtschaft ist, stellt eine Binsenwahrheit dar. Dies im Konjunktiv zu formulieren, wirkt eigenartig. Ohne Fachkräfte – vor allem in den technischen Berufen – müssen Aufträge abgelehnt oder können nur mit viel Einsatz und vielen Überstunden abgedeckt werden. Dies führt zur Unzufriedenheit der Stammbelegschaft und zu einer Fluktuation.

Dass wir in Österreich teilweise ein Mobilitätsproblem haben, ist jedoch auch unbestritten. Gerade in Wien beobachte ich dies immer wieder. Es ist nicht immer einfach Leute, die in Wien wohnen, etwa nach Niederösterreich zu schicken. Allerdings können, wenn die Anreize hoch genug sind, immer wieder Mitarbeiter*innen gefunden werden. Ich hege jedoch die Befürchtung, dass die Unternehmen zu wenig Anreize setzen. Vergleicht man Inserate in Deutschland und Österreich wird dies klar. Viele deutsche Stelleninserate beginnen mit dem Angebot und den Anreizen für neue Mitarbeiter*innen. Ich denke, dass das Thema teilweise hausgemacht ist. Neben fehlenden finanziellen und anderen motivierenden Anreizen einen Job anzunehmen, gibt es auch noch bürokratische Hürden. Vorallem wenn wir integrations- und ausbildungswilligen jungen Menschen aus Kriegsgebieten die Möglichkeit eine Fachausbildung zu absolvieren aufgrund drohender Abschiebungen verwehren, scheint mir der Ansatz EU-Bürger*innen aus einem Land mit hoher Jugendarbeitslosigkeit zu holen, etwas verwegen. Einfacher formuliert: Derzeit unterstellt man in einem einschlägigen sehr dominanten politischen Diskurs, dass viele Flüchtlinge ja eh nur Wirtschaftsflüchtlinge seien… Etwas ketzerisch gefragt: Was ist dann mit spanischen Lehrlingen, die unter einer Jugendarbeitslosigkeit von 34 Prozent leiden und die man dann, mit dem Sanktus einer Landesregierung, nach Österreich holt? Sie mögen vielleicht sagen, dass diese Argumentation populistisch sei. Das mag schon sein. Aber es passt alles nicht wirklich zusammen.

Hotellerie als Antreiber?

Außerdem werde ich das Gefühl nicht los, dass es wieder einmal vorwiegend um die Ausbildung in der Gastronomie und Hotellerie geht. Dafür gibt es einige Indizien: Der Tourismus kommt in der Presseaussendung der LPD Kärnten wortgewaltig vor. Stimmen aus den anderen Branchen gibt es nicht:

“Qualifizierte Fachkräfte sind besonders in einer Dienstleistungsbranche wie dem Tourismus der entscheidende Erfolgsfaktor und die Visitenkarte unseres Landes”, so der Tourismusreferent Sebastian Schuschnig. Das Pilotprojekt “Talente für Kärnten” sei eine von zahlreichen Maßnahmen, die im Tourismusreferat zur Entschärfung des Fachkräftemangels gesetzt werden. “Mein Ziel ist es, den Erfolgskurs der Kärntner Tourismusbetriebe durch qualifizierte Mitarbeiter und durch die besten Rahmenbedingungen weiter zu stärken. Von den Investitionen in die Qualifikation der Fachkräfte profitiert letztlich nicht nur der Tourismus, sondern ganz Kärnten als starker Wirtschaftsstandort”, so Schuschnig.

Desweiteren ist der Gaststättenkoch mittlerweile ein Mangelberuf in Österreich. Dies würde auch ein wenig erklären, wieso man beschlossen hat, das Recruiting ins Ausland zu verlegen. Kellner*innen zählen jedoch nur in Oberösterreich, Salzburg, Tirol und Vorarlberg zu den Mangelberufen – in Kärnten nicht.

Nur nebenbei erwähnt: Elektrotechniker*innen und Elektromonteure, ebenso wie Holzmaschinenarbeiter*innen sind auf der bundesweiten Mangelliste zu finden. Nach den Maßstäben des AMS und des Sozialministeriums handelt es sich also um echte Mangelberufe. Die Mechatroniker*innen finden wir dort allerdings nicht.

Also vielleicht doch zurück zum Thema Mobilität. Das AMS sei – so zumindest der erwähnte Ö1-Bericht – nicht in das Projekt involviert, da das AMS sich auf den heimischen Arbeitsmarkt konzentrieren soll und muss. Dies ist auch noch aus einem anderen Punkt interessant. Die Variante einer überbetrieblichen oder arbeitsplatznahen Qualifizierung – sprich die Lehre in einer verkürzten Form mit Unterstützung des AMS – wird also wahrscheinlich nicht möglich sein. Bleibt also nur die drei- bis vierjährige Lehre mit klassischer Ausbildung in der Landesberufsschule und im Betrieb. Oder hat man sich bei den spanischen Lehrlingen auf eine Sonderform der verkürzten Lehre in den Betrieben geeinigt? Fragen über Fragen.

Lehrstellensuchende Lehringe in Kärnten

Interessant sind auch ein paar Zahlen des Sozialministeriums. Im ersten Halbjahr waren in Kärnten in den fraglichen Sparten doch einige Lehrlinge stellensuchend (Abfrage BALI 01. August 2019).

  • Elektriker 19
  • Holzverarbeiter 11
  • Köche 22
  • Mechatroniker*innen scheinen in der BALI Liste des Sozialministeriums nicht auf.

Eine Frage nach den Kosten:

In der Aussendung ist die Rede von „Headhunting“. Dies würde im Normalfall bedeuten, dass eine Organisation oder ein Unternehmen, das auf die Personalsuche spezialisiert ist, geeignete Lehrlinge in Spanien scouten müsste. Dies ist natürlich mit Kosten verbunden. Nachdem laut Ö1-Bericht das AMS nicht in das Projekt involviert ist, bleibt auch zu bezweifeln, dass das Projekt über die übergeordnete europäische Agentur EURES laufen wird. Was bleibt? Man beauftragt ein privatwirtschaftliches Unternehmen mit der Suche. Und welcher Personaldienstleister hat ausreichend Erfahrung mit dem Recruiting von Lehrlingen im Ausland? Vor allem angesichts der Tatsache, dass transnationales Headhunting eher bei Führungskräften, als bei Auszubildenden, funktioniert.

Die nächste Frage hat auch mit Geld zu tun. Wie viel bekommen die Lehrlinge? Lassen sich die spanischen Lehrlinge mit der österreichischen Lehrlingsentschädigung (plus Kost und Logis?) auch tatsächlich nach Österreich locken – oder greift man in diesem Projekt tiefer in die Tasche und zahlt die Lehrlinge deutlich über die Lehrlingsentschädigungsgrenze. Sollte dies der Fall sein, stellt sich die Frage, wieso eine deutliche Überbezahlung nicht als Anreiz für Lehrlinge mit Wohnsitz in Österreich eingesetzt wird. Der Einzelhandel hat in vielen Bereich dies bereits erfolgreich eingesetzt. Ein Lehrling bekommt im ersten Lehrjahr die Lehrlingsentschädigung aus dem zweiten Lehrjahr, im zweiten jene aus dem dritten und verdient im dritten Lehrjahr mehr oder weniger gleichviel wie die ausgelernten Kolleg*innen.

Ferner werden die spanischen Lehrlinge erst Deutschkenntnisse erwerben (müssen). Dazu sollen Deutschkurse in Spanien abgehalten werden, die natürlich auch Geld kosten werden. Prinzipiell stelle ich, wenn es um Bildung und Ausbildung geht, sehr ungern die Kostenfrage. Aber hier geht es um das Gesamtbild. In Österreich wurden unter der letzten Bundesregierung Deutschkurse zusammengestrichen und etliche Deutschtrainer*innen beim AMS vorangemeldet… Sie verstehen auf was ich hinaus will. Gerade beim Thema Arbeitslosigkeit und Lohnarbeit halte ich es sehr mit dem Sprichwort, dass man vor der eigenen Haustür fegen soll, vorallem deshalb, weil Arbeitsmärkte regional und national strukturiert sind.

Um es auf den Punkt zu bringen: Das Projekt “Talente für Kärnten” verursacht zusätzliche Kosten. Diese Mittel könnte man auch als Anreizsystem für die Suche und Ausbildung im Inland verwenden.

Zeitfaktor

Die spanischen Jugendlichen müssen zunächst gecastet werden. Dies wird – will man das Verfahren nicht im Huschpfuschmodus durchziehen – einige Zeit dauern. Dann sollen die Jugendlichen in Spanien Deutsch lernen? Ein Jahr lang… Das ist toll und richtig. Erst dann sind sie zur Ausbildung bereit und diese wird mindestens 1,5 bis 2 Jahre dauern; und auch nur dann, wenn wir von einer verkürzten Intensivausbildung ausgehen. Wir müssen also von einem Zeitraum von 3 bis 4 Jahren ausgehen, bis die Ausbildung greift. Ob die Wirtschaftslage 2022 noch so stabil ist, dass es einen erhöhten Bedarf gibt, steht auf einem anderen Blatt.

Boomerangeffekt

Bleibt noch die Frage, ob die spanischen Lehrlinge und Fachkräfte in spe nach der absolvierten Lehre in Österreich bleiben – oder ob sie in die Heimat zurückkehren. Die duale Ausbildung in Österreich ist hoch angesehen. Bei den internationalen Facharbeiterolympiaden räumt Österreich regelmäßig Medaillen und Belobigungen ab. Wer garantiert, dass die ausgebildeten spanischen Fachleute nicht wieder abwandern und wir es mit einem hausgemachten Braindrain zu tun haben?

Es bleiben aus meiner Sicht etliche Fragen zu klären. Möge das Projekt funktionieren und den „interkulturellen proeuropäischen Austauschprozess“ voran bringen – hoffentlich nicht auf Kosten jener Menschen, die bereits in Österreich leben (egal welcher Nationalität oder Herkunft). Es könnte jedoch passieren, dass der interkulturelle Austausch innerhalb Österreichs sich weiter verschlechtert. Besonders dann, wenn unausgegorene Projekte die Runde machen…

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