Lehre schützt vor Arbeitslosigkeit (nicht)

Zu Beginn des Monats werden die so genannten Arbeitsmarktdaten veröffentlicht. Der vielzitierte und oft beschworene wirtschaftliche Abschwung scheint sich auch auf dem Arbeitsmarkt bemerkbar zu machen.

“Tatsächlich bereits erkennbar ist allerdings bereits die angekündigte Abschwächung im Bereich der Herstellung von Waren. Hier steigt die Arbeitslosigkeit gegenüber dem Vorjahr nunmehr leicht an. Die Industrie und der Bau waren jene Branchen, die den Aufschwung der vergangenen drei Jahre stark “getragen” haben, dies ist der Grund, warum die Männerarbeitslosenquote stärker als jene der Frauen gesunken ist und nur wegen der Winterbauarbeitslosigkeit im Jahresschnitt 2019 wohl noch leicht über jener von Frauen liegen wird. Die Förderung von Gleichstellung am Arbeitsmarkt bleibt eine unserer wichtigsten Aufgaben, auch 2020 werden wir daher Frauen verstärkt und gezielt fördern”, erklärte Johannes Kopf, Vorstand des Arbeitsmarktservice (AMS) Österreich.

Quelle: AMS

Auch das Bundessozialministerium spricht in einer Aussendung von einer “Eintrübung” des Arbeitsmarktes.

Interessante Zahlen für Wien

Dass der Großteil der Arbeitssuchenden auf Wien entfällt, darf und wird niemanden verwundern. In der Bundeshauptstadt sind alleine über 107.000 Menschen arbeitssuchend gemeldet. Rechnet man jene dazu, die sich nicht beim AMS melden, weil sie entweder zwischen zwei Jobs sind oder eine andere Form des Einkommens erzielen, dann dürfte diese Zahl noch höher ausfallen.

Laut offizieller Statistik waren Ende Oktober inklusive AMS-Kursteilnehmer*innen österreichweit insgesamt 354.026 Arbeitslose beim AMS gemeldet. Wien hält also nicht ganz ein Drittel der Arbeitssuchenden, was an und für sich schon eine bemerkenswerte Zahl ist.

Lehre und Studium keine Garantie für Arbeitslosigkeit

Die Lehre sei das optimale Mittel gegen Arbeitslosigkeit. Ein oft gehörter Satz. AKNÖ-Präsident Markus Wieser in einem Interview:

“(…) unsere Form der dualen Ausbildung bereitet junge Menschen optimal auf die Arbeitswelt vor. Sie bringt ein gutes Einkommen und ist der beste Schutz vor Arbeitslosigkeit. Das Risiko, arbeitslos zu werden, liegt ohne abgeschlossene Ausbildung drei Mal höher als mit einem erlernten Beruf.”

Markus Wieser: NÖN 15. Nov. 2018

Nun: Das war vor einem Jahr und der Satz bezieht sich auch auf Niederösterreich. In Wien sieht die Situation wie folgt auf.

BundeslandAusbildung (7 Kat.)MännerFrauen
WienKeine abgeschlossene Schule46144484
WienPflichtschule2353617422
WienLehrausbildung155588185
WienMittlere Ausbildung21272624
WienHöhere Schule84327781
WienAkademische Ausbildung61276914
WienUngeklärt5760

Die Zahlen stammen vom Sozialministerium. Die Abfrage wurde am 04. November gemacht (BALi). Wenn wir Pflichtschulabsolvent*innen mit Facharbeiter*innen vergleichen zeigt sich, dass die Gefahr der Arbeitslosigkeit für Menschen mit LAP bei Frauen gut doppelt so hoch erscheint und bei Männern der Faktor bei 1,5 liegt. Wir sind also weit von dem Schnitt weg, den Herr Wieser für NÖ ausmacht.

Interessant ist auch, dass Absolvent*innen einer “mittleren Ausbildung” – also von berufsbildenden mittleren Schulen – in absoluten Zahlen das geringste Risiko einer Arbeitslosigkeit aufzeigen. Der Grad der arbeitssuchenden Akademikerinnen ist ebenfalls relativ hoch. Vor allem, wenn man Frauen mit LAP und Frauen mit einer akademischen Ausbildung vergleicht. Eine spannende Sache.

Lehrabschluss keine Garantie? Die möglichen Gründe…

Antworten auf die Frage, wieso in Wien der LAP nicht vor Arbeitslosigkeit schützt, kann ich nur anhand von Vermutungen geben; Vermutungen, die allerdings auf den Erlebnissen und Gesprächen in der täglichen Rekrutierungspraxis aufbauen.

(1) Viele Lehrabschlüsse wurden überbetrieblich, also in einer verkürzten Kursausbildung, erworben. Absolvent*innen einer überbetrieblichen Lehrausbildung haben es schwerer als Geselle oder Gesellin Fuß zu fassen.

(2) Wechsel der Branche oder des Berufes. Es gibt Branchen, in denen junge Menschen zwar einen Lehrabschluss absolvieren, aber nach der LAP wollen viele nicht mehr in der Branche weiterarbeiten. Sie gehen verloren. Eine zu benennende Branche ist z.B. die Hotellerie, die nicht nur damit kämpft Lehrlinge zu gewinnen, sondern auch damit, Fachkräfte zu halten.

(3) Es werden Lehrlinge über Bedarf ausgebildet. Es gibt Unternehmen, die nicht allen Lehrlingen nach absolvierter Lehre einen Platz im Unternehmen anbieten. Der Reiz mehr Lehrlinge aufzunehmen als es Facharbeiterplätze gibt, ist groß. Der Kostenfaktor (Lehrlingsentschädigung) ist überschaubar, viele Lehrlinge arbeiten in manchen Branchen schon recht früh mit im Betrieb und man hat die Möglichkeit sich seine zukünftigen Fachkräfte auszuwählen.

Die oben genannten Zahlen sind natürlich zu wenig aussagekräftig. Man müsste den Langzeitvergleich machen, um Entwicklungen festzustellen. Allerdings kann es ein Denkanstoß sein, eine ordentliche Berufsorientierung zu absolvieren, bevor Jugendliche eine Lehrausbildung absolvieren, die unpassend ist.

Diskutieren Sie mit…

Wie sind Ihre Erfahrungen mit der Lehre? Ist die Lehre tatsächlich noch immer ein “goldener Bogen”? Wenn ja: In welchen Branchen? Posten Sie einfach Ihre Erfahrungen in den Kommentaren.

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